Freiburg braucht eine verbindliche Altersstrategie
Änderungs- und Ergänzungsantrag zu TOP 06 der Gemeinderatssitzung am 20.10.2026, Drucksache G-26/117: Altersstrategie der Stadt: Beitritt zum Netzwerk der WHO „Global Network for Age-Friendly Cities and Communities“
Kurz erklärt:
Wir wollen Freiburg zu einer altersfreundlichen Stadt weiterentwickeln und bestehende Maßnahmen in einer gemeinsamen, ressortübergreifenden Strategie bündeln. Dafür setzen wir auf die Beteiligung von Bürger*innen, Fachverbänden, sozialen Einrichtungen und Hochschulen sowie auf klare Zuständigkeiten und regelmäßige Fortschrittsberichte. Ziel ist eine nachhaltige und vorausschauende Alterspolitik, die Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe stärkt und vorhandene Ressourcen sinnvoll nutzt.
Sehr geehrter Oberbürgermeister Horn,
Hiermit beantragen wir, den Beschlussantrag in G-26/117 zu TOP 6 der Gemeinderatssitzung vom 20.10.2026 wie folgt zu ändern:
- Streichung von Punkt 2 und Ersetzung durch:
„Der Gemeinderat beschließt die Entwicklung einer Altersstrategie für die Stadt Freiburg als wichtiger Baustein einer integrierten Stadtentwicklungspolitik und beauftragt die Verwaltung, den hierfür erforderlichen Rahmen zu schaffen und die hierfür erforderlichen Schritte einzuleiten.“ - Streichung von Punkt 3 und Ersetzung durch:
„Der Gemeinderat beschließt die Beantragung der Aufnahme der Stadt Freiburg ins WHO-Netzwerk „Global Network for Age-Friendly Cities and Communities“ und beauftragt die Verwaltung, die dafür erforderlichen Schritte einzuleiten. Beitritt der Stadt Freiburg zum WHO-Netzwerk.
Zweitens beantragen wir, den Beschlussantrag in G-26/117 zu TOP 06 um folgende Punkte zu ergänzen:
3. „Der Gemeinderat beauftragt die Verwaltung, zur Entwicklung einer Altersstrategie ein Konzept für die Bürgerbeteiligung unter Berücksichtigung aller relevanten Gruppen und Akteur*innen – wie etwa Pflege- und Gesundheitseinrichtungen, Soziale Träger, Seniorenvereine und Interessengruppen, wissenschaftliche Einrichtungen (insb. die Freiburger Hochschulen) und Fachverbände u.a.) zu erarbeiten und dem Gemeinderat bis spätestens Ende 2027 vorzulegen.“
4. „Der Gemeinderat beauftragt die Verwaltung, für die Erarbeitung und Umsetzung der Altersstrategie eine Struktur zu schaffen, die eine gesamtstädtische Koordination und ressortübergreifende Steuerung sicherstellt. Hierbei ist zu gewährleisten, dass Zuständigkeiten und Entscheidungskompetenzen klar geregelt und zugeordnet sind. Die Gemeinderat bittet den Oberbürgermeister, einen Vorschlag für ein solches Konzept vorzulegen“.
5. „Die Verwaltung berichtet im Gemeinderat, in den fachzuständigen Ausschüssen sowie den zuständigen Beteiligungsgremien (gemäß Beschlussziffer 3) über die Umsetzung der weiteren Schritte in einem regelmäßigen, maximal
zweijährlichen Turnus, beginnend im Jahr 2027. Dabei findet eine regelmäßige Vereinbarung von Schwerpunkten, Zielen und Maßnahmen gemäß eines vorab gemeinsam vereinbarten Aktionsplanes statt.”
Begründung
Die Verwaltung hat in Reaktion auf den Antrag „Altersstrategie der Stadt; hier: Beitritt zum Netzwerk der WHO“ vom 27.03.2026 auf eindrückliche Weise bereits vollzogene, in Umsetzung befindliche sowie geplante Maßnahmen als auch mögliche Entwicklungsfelder der Stadt Freiburg im Bereich Seniorenpolitik zusammengetragen und diese zu bereits bestehenden städtischen Strategien wie den Freiburger Nachhaltigkeitszielen, dem Aktionsplan Inklusion und der Sozialplanung für Ältere in Beziehung gesetzt. Die Drucksache zeigt: Freiburg ist nicht am Anfang eines solchen Prozesses, sondern befindet sich auf einem guten Weg.
Aus unserer Sicht ist dieser Weg durch den Beitritt zum WHO-Netzwerk „Global Network for Age-Friendly Cities and Communities“ zu begleiten und zielgerichtet und effizient zu steuern. Dabei kommt es uns nicht auf eine schnelle Umsetzung an –womöglich unter Bindung von Ressourcen, die an anderer Stelle benötigt werden.
Wichtig ist uns vielmehr die Initiierung eines trag- und zukunftsfähigen Prozesses unter effizienter Einbeziehung und Nutzung aller relevanten und verfügbaren Potenziale und Kompetenzen.
Wir plädieren für dieses Vorgehen aus den folgenden Gründen:
- Kostensteigerungen in nahezu allen Bereichen der Daseinsvorsorge, Fachkräftemangel in der Pflege und im Gesundheitswesen und nicht zuletzt die demographische Entwicklung führen zu Herausforderungen insbesondere in der Alterspolitik, die wir zügig, aber konzertiert und nachhaltig adressieren müssen. Wie bereits aufgezeigt, hat die Stadt Freiburg diesbezüglich bereits einiges aufden Weg gebracht. Was aber fehlt, ist ein programmatischer Überbau, der die Ziele und Maßnahmen auf dem Weg zu einer altersgerechten Stadt unter einem Dach und insbesondere ressortübergreifend zusammenführt.
- Ein Bekenntnis zu einer Altersstrategie und zur Mitgliedschaft im WHO-Netzwerk hätte Signalwirkung im Sinne einer politischen Willenserklärung der Stadt, die der wachsenden Bedeutung einer zukunftsfähigen Alterspolitik auch auf kommunaler Ebene Rechnung trägt.
- Überschneidungen mit anderen Handlungsfeldern wie den oben genannten sind im Zuge einer integrierten Stadtentwicklung zwangsläufig und eher von Vorteil. Wir sehen diese eher als Chance, denn als Problem, da sich etliche Synergien ergeben. So kann etwa bei der Entwicklung eines Aktionsplans zur Umsetzung einer Altersstrategie auf existierende Planungen und Zuständigkeiten zurückgegriffen werden.
- Es ist angesichts der Haushaltssituation richtig, besonders auf die Ausgabenwirkung eines solchen Vorhabens zu achten. Die Erfahrung anderer Städte, die sich im Netzwerk engagieren zeigt jedoch, dass die Mitgliedschaft im Netzwerk aufgrund der zur Verfügung gestellten Expertise und Instrumente eher Ressourcen schont. Eine von einer Altersstrategie getragene und mittels eines partizipativ ausgehandelten Aktionsplans umgesetzte Alterspolitik hat hochpräventiven Charakter. Hinsichtlich der Bürgerbeteiligung zeigt sich, dass ein partizipativer Ansatz Fehlentwicklungen vorbeugt und zivilgesellschaftliche Kräfte mobilisiert, nicht zuletzt jene der Senior*innen selbst. Dies gilt bereits für die Entwicklung der Strategie selbst, aber auch bei deren Umsetzung.
Beispielsweise kann durch die Aktivierung nachbarschaftlichen Engagements der Übergang in die stationäre Pflege hinausgezögert oder gar vermieden werden.
Zweites Beispiel: Begegnungsangebote für Ältere sind hochwirksam gegen Einsamkeit und entlasten das Gesundheitssystem. - Empirische Befunde belegen diese Lesart, diverse Studien bescheinigen einer präventiven Alterspolitik eine immense Hebelwirkung mit einer Sozialrendite von bis zu 3 – das heißt, jeder präventiv eingesetzte Euro hat einen gesellschaftlich-ökonomischen Gegenwert von bis zu drei Euro. Als Beispiel sei die SROI (Social Return on Invest)-Analyse des SONG-Netzwerkes zum koordinierten und nachbarschaftlichen Wohnen im Alter genannt.
- Der beschriebene Prozess erfordert nicht zwingend die Schaffung neuer Strukturen oder gar neuer Stellen. Die zentrale Zuständigkeit muss beispielsweise nicht zwingend im Seniorenbüro liegen. In der Praxis hat sich eher die Schaffung ressortübergreifender Arbeits- oder Projektsteuerungsgruppen bewährt. Vorstellbar wäre daher beispielsweise auch eine Verankerung im Nachhaltigkeitsmanagement der Stadt im Dezernat I. Eine klare Gesamtverantwortung ist für den Erfolg eines solchen integrierten Prozesses zwingend. Diese Form der strukturellen Verankerung sichert Interdisziplinarität und stärkt die Zusammenarbeit zwischen den Verwaltungseinheiten.
- Best-practice-Beispiele aus dem WHO-Netzwerk zeigen, dass die Lösungen nicht allein aus der Verwaltung kommen. Eine der wesentlichen Gelingensbedingungen ist die Beteiligung der Zivilgesellschaft. Wir votieren daher für einen breit angelegten Beteiligungsprozess. Ein divers angelegtes Beteiligungskonzept bietet die Chance, die Potenziale zivilgesellschaftlicher Akteur*innen zu nutzen und eine breite Verantwortlichkeit für den Prozess zu gewährleisten. Damit einher geht die Chance einer breiten Akzeptanz in der Bevölkerung.
- Gleiches gilt aber auch für die Einbeziehung der am Standort verfügbaren Fachexpertise. In Freiburg verfügen gleich mehrere Hochschulen über Lehrstühle mit ausgewiesenen Kompetenzen in einschlägigen Disziplinen wie der Altersforschung oder der Pflegewissenschaft. Mit einigen stehen wir bereits seit längerem im Austausch. Dabei stoßen wir auf einhellige Unterstützung unseres Ansatzes.
Vielen Dank,
mit freundlichen Grüßen,
Bärbel Schäfer
Hannes Wagner
Sophie Schwer
Grüne im Freiburger Gemeinderat
Daniela Ullrich
Esther Grunemann
ESfA / Eine Stadt für Alle
Uwe Stasch
Franco Orlando
FDP/ BfF